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Ostern - in aller Stille

Ostersonntag, irgendwann vor Sonnenaufgang. Verschlafen stehen vier Gestalten am mit Raureif überzogenen Deich und scheinen sich zu fragen: Was tun wir hier eigentlich? Wir könnten auch noch im Bett liegen, in ein, vielleicht auch zwei Stunden aufstehen und gemütlich frühstücken. Schließlich ist ja Ostern. Aber nein, vorgestern war Vollmond, also ist heute Vogelzählung auf dem Süderoogsand angesagt. Das heisst, wir müssen vor der Flut auf der Sandbank sein, weswegen jetzt erstmal 13 Kilometer Fußmarsch durch das noch kalte Watt vor uns liegen. Also los.

Wir schultern die Rucksäcke mit Ausrüstung (und Essen), steigen in die Wathosen und machen uns auf den Weg, immer Richtung England. Hinter uns geht gerade die Sonne auf und malt unsere langen Schatten auf den Boden.

Langsam wachen auch unsere Großhirne auf, es reicht für ein wenig aufgeregten Smalltalk, schließlich ist es die erste Zählung nach der langen Winterpause. Wie wird sich die Sandbank verändert haben? Was für Sachen werden im Spülsaum liegen? Wieder ein Kühlschrank? Ist der Wanderfalke schon wieder da? Dann laufen wir lange schweigend, jeder hängt seinen Gedanken nach und nur die Stiefel schmatzen quietschend bei jedem Schritt.

Wir passieren die Hallig Süderoog, die ungefähr auf halber Strecke friedlich und ruhig daliegt. Kurz dahinter halten wir kurz an und schauen uns um. Watt, soweit das Auge reicht.

Nur am Horizont sind Spuren der Zivilisation zu sehen. Vor uns der Holzturm auf der Sandbank, hinter uns ganz klein der alte Pellwormer Kirchturm. Im Norden lugen die Warften der Hallig Hooge über das Watt, aber sonst: Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, gelbbraunes Watt.

Vor allem aber: Stille.

Absolute Lautlosigkeit.

Kein brummender Motor, kein trillernder Vogel, kein rauschendes Meer. Gerade pfeift kein Wind, kein Laub raschelt in den Zweigen von keinem Baum, kein Mensch quatscht, kein Schuh quietscht. Nada.

Stille.

Schließlich setzen wir unseren Weg leise quietschend fort.

Keine Ahnung, wie viele solcher Orte es in unserem Land noch gibt, über denen eine solch feierliche Stille liegen kann. Allzuviele können es nicht sein, ich jedenfalls habe hierzulande noch keinen Zweiten gefunden. Das frühe Aufstehen hat sich wieder mal mehr als gelohnt.

Felix, FÖJ auf Pellworm 2011/2012

P.S. Einen Kühlschrank haben wir damals nicht gefunden, dafür wurde eine holländische Wellenmessboje angetrieben.